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Schuhe aus Protest II

Schuhe aus Protest II


George W. Bush verfehlten sie nur um wenige Zentimeter und auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff sind sie nicht fremd. Wütend in die Luft gestreckt oder etwa zum Wurfobjekt umfunktioniert – Protestaktionen mit Schuhen führten in den letzten Jahren immer wieder zu politischen Rücktritten. Ebenso unvergessen bleibt eine spektakuläre Episode auf der UN-Vollversammlung in den 1960ern, heute besser bekannt als Chruschtschows Schuh-Affront.


Schuh-Eklat auf dem politischen Parkett


Noch heute gehört sie zu jenen umstrittenen Episoden aus der Zeit des Kalten Krieges. Vor wenigen Wochen jährte sich der berühmte Auftritt Nikita Sergejewitsch Chruschtschows (1894-1971) vor der 15. Generalversammlung der Vereinten Nationen ein weiteres Mal und erneut fragte man sich: Hat er es nun getan oder nicht? Die Zeugenaussagen sind widersprüchlich. Dennoch zogen die New York Times und Washington Post einst die Geschichte Hollywood reif auf. Doch was ist überhaupt dran an dem sogenannten Schuh-Affront des damaligen sowjetischen Staatschefs?
Im Oktober 1960 tagte die Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. Schon an den vorangegangen Versammlungstagen hatte Chruschtschow seiner Abneigung gegen die Institution der UNO lautstark und unter Zuhilfenahme ausgiebiger Gestikulation Luft gemacht. Der Kremlchef war für solche impulsiven Äußerungen weltweit bekannt. Am 12. Oktober setzte Chruschtschow – selbst für seine Verhältnisse – neue Maßstäbe. Mitten in dem Redebeitrag des philippinischen Delegierten Lorenzo Sumulong sprang der untersetzte Mann mit dem schütteren Haar plötzlich auf, schwang bedrohlich die Fäuste in Richtung des Referenten und schimpfte wüst: „Warum darf dieser Nichtsnutz, dieser Speichellecker, dieser Fazke, dieser Imperialistenknecht und Dummkopf – warum darf dieser Lakai der amerikanischen Imperialisten hier Fragen behandeln, die nicht zur Sache gehören?“


Ein Schuh verschafft sich Gehör


Irgendwo inmitten dieses Geschreis spielte auch Chruschtschows rechter Schuh eine wichtige Rolle, den es nicht länger am Fuße des Staatschefs hielt. Manch’ Anwesender schwor im Anschluss Stein und Bein, Chruschtschow habe mit seinem Treter wild auf den Tisch getrommelt. Entsprechendes Bildmaterial zeigt den Schuh indes als Zeichen des stillen Protests auf dem Tisch stehend. Ganz gleich, ob zum tatsächlichen Schlaginstrument umfunktioniert oder lediglich auf dem Tisch in Pose gesetzt  dieser Wutausbruch nebst Schuh sicherte dem sowjetischen Partei- und Regierungschef nicht nur die gesamte Aufmerksamkeit der Vollversammlung. Schon bald ging Chruschtschows beschuhte Worteinforderung um die ganze Welt. Doch was bewegte ihn zu solch’ einer Tat?
Kurz vor dem beschriebenen Wutausbruch kreiste die Diskussion um die weltweite Abschaffung des Kolonialismus. Zahlreiche afrikanische Staaten erlangten 1960 ihre Unabhängigkeit, so auch der Kongo. In der heutigen demokratischen Republik beanspruchte damals eine pro-sowjetische und eine pro-westliche Gruppierung ihre Unabhängigkeit für sich. Als sich der philippinische Abgeordnete zu diesem Thema äußerte und erklärte, die Sowjetunion raube den Menschen in Osteuropa ihre politischen und bürgerlichen Rechte, stieß dies dem ersten Staatssekretär derart übel auf, dass er sich zu dem erwähnten Schuh-Protest hinreißen ließ.
Mögen die Meinungen über den tatsächlichen Schlagabtausch von Schuh und Tisch auch auseinander gehen, herrscht indes ein einheitlicher Tenor darüber, dass Chruschtschow den Schuh de facto als Protestmittel einsetzte. Jahre später erklärte zwar der Sohn des ehemaligen sowjetischen Staatschefs, sein Vater hätte bewusst einen Ersatzschuh mit in das Reisegepäck gelegt. Nichtsdestotrotz ging diese Episode in die Geschichte ein. Chruschtschows aufbrausendes Temperament sorgte später auch außerhalb des internationalen Parketts für Aufsehen und endete schließlich 1964, als der Regierungschef durch seinen ehemaligen Schützling gestürzt wurde. Möglicherweise hatte der gute Nikita einmal zu viel auf den Tisch gekloppt.
 

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